Das erste und zweite Konzil der Auferstehung
Mann sollte meinen, nach den Dicigorianischen Kriegen hätte Pragorien eine Zeit des Lichts und des Friedens verdient. Doch dem war nicht so. Denn noch während die letzten versprengten Truppen des Feindes aus den pragorischen Landen vertrieben wurden, musste bereits ein weiterer Feind Pragorien mit gierigem Blick ins Auge gefasst haben.
Sei einigen Jahren nun schon herrscht König Aydrian III. von Wallstadt über das im Jahre 240 von seinem Vorfahr, Ruthard dem I. von Wallstadt, vereinigte Pragorien. Es war ein starkes, widerstandsfähiges Pragorien unter einem starken und widerstandfähigen König. Doch der neue König Aydrian ist noch jung, die Fürsten des Landes, denen die Einigung vor gut 200 Jahren größtenteils ein Dorn im Auge war, riechen eine Möglichkeit wieder zu altem Ruhm und Macht zu gelangen. Und ein von Intrigen und Machtkämpfen zerrissenes Land ist ein schwaches Land.
Eines Morgens erreicht den Königshof die Nachricht von einem Überfall auf die Magierakademie zu Kammberg. In den Augen des Königs nur ein unwichtiger Haufen von Spinnern die seit etlichen Jahren versuchen Blei in Gold zu verwandeln. Erfolglos. Der König nimmt sie nicht ernst.
Bei dem Überfall wurden nur wenige Magier getötet, viel wichtiger ist die Tatsache, dass etwas aus den Mauern der Akademie entwendet wurde. Die Abordnung der Akademie, die nur wenige Tage danach den Königshof betritt, erzählt eine abenteuerliche Geschichte:
Entwendet wurden Überreste von den in der Converta erwähnten ermordeten Gottheiten Devastas und Eritera. Vier etwa fingerlange Splitter jeder Farbe sollen dort verwahrt gewesen sein. Jene, die guten Ursprungs waren, hatte man später achtlos weggeworfen am Ufer der Bleiwasser gefunden. Die anderen vier waren bis zu diesem Tage verschwunden. Erst wenige Monde davor war gleiches in einem Kloster der Schwesternschaften Eriteras vorgefallen. Auch dort fehlten nur jene Überreste des verlorenen Gottes.
Als die Schwesternschaften der Eritera von dem erneuten Überfall Kunde bekommen, drängen sie den König dazu, das Konzil einzuberufen. Noch nie hatte er von diesem Recht Gebrauch machen müssen, doch er folgte dem Rat der Schwestern und rief alle Oberhäupter der zwölf Götterorden zusammen, um sich zu beraten. Aydrian III. selbst bildete den Vorsitz, doch nicht als König, sondern in seiner Funktion als Oberhaupt der Pragorianischen Paladine.
Und die Ordensväter der Götterorden, sie folgten seinem Ruf. Bereits wenige Monde später fand das Konzil statt. Zwölf Sitze sind vergeben, sechs an die Clanlords der Kriegerkasten Gadians, zwei an die Schwesternschaften Eriteras, zwei an die Gilden Andrendas und die letzten beiden an die Wächterorden Fayfills.
Die Verhandlungen gingen ganze drei Tage und drei Nächte. Man fand heraus, dass die Bemühungen, die dunklen Kristalle zu sammeln und daraus den verstoßenen Gott Devastas wieder in die Reihen der amtierenden Götter zu rufen, nun schon seit vielen Jahren anhalten mussten. Doch wer hinter diesem ganzen Plan steckte, war zunächst unbekannt.
Die Zeit drängte also, Gegenmaßnahmen mussten schnell getroffen werden.
Die einzig logische Lösung schien, es den dunklen Jüngern gleichzutun und sich ebenfalls zeitgleich auf die Suche nach den Überresten der Eritera zu machen. Ein Ausgleich konnte nur stattfinden, wenn die gute Göttin ebenfalls wieder belebt werden würde. Ein absurdes Unternehmen, der Clan der schreienden Klingen, die Gor-An-Kirith lachen über diesen Plan. Die Gauri und die Gouel-Ulbar tun es ihm gleich. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass man alle Splitter der Eritera vor den dunklen Jüngern finden würde, geschweige denn zusammensetzen? Doch der König ist überzeugt von diesem Plan, es bliebe keine Zeit mehr, man müsse handeln und zwar schnell.
So wird jeder Teilnehmer des Konzils dazu aufgefordert, seine besten Krieger zu Verfügung zu stellen, die sich zusammentun sollten. Nun beginnt die Suche nach den verschollenen Kristallsplittern der Eritera und es gilt einen fast uneinholbaren Vorsprung wettzumachen.
Fast zeitgleich treffen pragorische Kundschafter in Pragoria, dem ehemaligen Kragenburg, ein und berichten von vereinzelten Menschengruppen aus dem nordwestlichen Flachland, die um die Einreise in das Königreich beten. Der König gibt dem Antrag ohne weiteres statt.
Wenig später stellt sich heraus, dass sich die Menschen auf der Flucht befanden. Und auf diese Menschen folgten weitere…
Nur wenige von ihnen sind überhaupt imstande, das, vor dem alles die Flucht ergriff, zu beschreiben.
Die Soldaten der Grenzwache in Seychelfurt protokollieren an einem dieser Tage folgendes:
„Es spricht vor: Hektor Dornfass. Gebürtig aus Jard’Ahi und vom Beruf Bauer:
, Dann kamen einige Menschen aus dem Nachbardorf bei uns an. Zuerst dachten wir, sie wären zum Frühjahrshandel zu uns gekommen. Aber sie waren in Panik. Es dauerte nicht lange, da kamen auch schon mehr Leute, aus vielen verschiedenen Orten, die mir zu großen Teilen unbekannt waren. Viele waren von weit her. Keiner konnte sagen, wovor sie wegliefen, alle waren von anderen Dörfern alarmiert worden, und wir liefen mit ihnen…’“
Kurz nach diesem Bericht stirbt der Verhörte dieses Schreibens an einer rätselhaften Krankheit. Doch das bleibt kein Einzelfall, denn viele der aufgenommenen Flüchtlinge zeigen die gleichen Symptome und auch unter ihnen bricht die ansteckende Krankheit aus. Die Flüchtlinge hatten den Virus nach Pragorien geschleppt und er war seitdem unter dem Namen Graupest bekannt. Die Infizierten werden vor die Wahl gestellt. Sie sollen das Land verlassen oder sie würden durch das Schwert der Richter sterben. Viele verlassen das Land, aber sie kamen wieder…
Die Pest wird vom Königreich ferngehalten. Es blüht weiter. Nur wenige wissen wirklich, warum derart viele Soldaten nach Norden ziehen. Die Bevölkerung wird unruhig, zuerst diese seltsame Krankheit, dann wieder die Soldaten.
Sofort werden die Grenzen abgeschottet, der Schutzwall an der Seychel, der Lima Mortem, wurde erst vor wenigen Monden fertig gestellt. Der einzige natürliche Übergang über den reißenden Fluss wird gesichert. Seychelfurt ist nun eine Festung. Soldaten werden stationiert. Und die Flüchtlinge brechen wie Wellen an den standhaften Befestigungen. Aber die Wogen reißen nicht ab. Was versetzt diese Menschen in solch eine Panik, dass sie freiwillig den Tod durch ihr eigenes Volk herbeiführen? Was konnte schlimmer sein als der Tod?
Unter den Flüchtlingen wächst die Zahl derer Menschen aus Saarhaunt, dem Nachbarkontinent, Menschen, die man damals ausgesondert hatte, weil sie die Gunstsünde in sich trugen.
Auch sie sind rastlos, auf der Suche nach Schutz. Schutz, den ihnen Pragorien nicht gewähren konnte. Denn während sie vor den Toren Seychelfurts auf Einlass warten, infizieren sie sich bereits mit der Graupest.
Aber sie lassen sich nicht so einfach ablehnen. Sie sind bereits bewaffnet, als sie ankommen. Und wer nicht bewaffnet ist, der fertigt sich Waffen aus den fauligen Überresten derer, die vor dem Tor bereits verrottet waren.
Verstärkung aus Karasgad wird über einen königlichen Aufruf vom Clan der schreienden Klingen angefordert. Der Ruf klingt verzweifelt. Die eigenen Truppen könnten die Grenze nicht mehr rechtzeitig erreichen.
Die Goran-Söldnerarmee setzt sich in Richtung Norden in Bewegung und beendet die Belagerung innerhalb weniger Tage, indem sie die Belagerer weit in das Flachland zurückdrängten und dort vernichten. Der Lohn ist teuer.
Bereits einige Tage später kommt eine Nachricht aus den Hochebenen beim Seychel-Delta, vom Volk der Gauri. Hjaldar der Standhafte selbst wendet sich an den jungen König des Menschenreiches. Auch die Gauri hätten mit der Pest zu kämpfen, viele Nordmänner seien bereits gestorben oder mussten hingerichtet werden. Das Problem der Pest sei aber bald unter Kontrolle.
Weiter heißt es:
„Dunkle Zeiten werden uns überkommen, junger König! Keiner von uns kann zurzeit sagen, wann es soweit sein wird, aber großes Übel ist auf dem Weg hierher! Wichtiger denn je ist es nun, dass sich die Menschen Pragoriens zusammen tun, um diesem Übel beizukommen.“
Aydrian III. geht dieses Bündnis ein.
In der folgenden Zeit reißt die Ankunft immer neuer Flüchtlinge nicht ab, aber sie wird deutlich weniger. Gerüchte sagen, Saarhaunt wäre im Kriegzustand. Auch hier gibt es wieder keine genauen Informationen. Nur, das von der Saarhaunt-Allianz gesprochen wird. Dieser Begriff ist neu. War da noch jemand auf dem Kontinent, bevor die Gunstsünder verbannt wurden? Alleine würden sie wohl kaum einem Heer standhalten können.
Aber Saarhaunt hält stand.
In Pragorien laufen unterdessen die Kriegsvorbereitungen. Bereits wenige Wochen, nachdem das letzte Konzil einberufen wurde, findet das nächste statt. Die Clanlords der Kriegerkasten beraten sich.
Die Wahl fällt auf den unmittelbaren Angriff der Invasoren. Gleich mit wem sie es zu tun bekommen würden, die Gegner würden unter dem Gleichschritt des vereinigten Menschenheeres erzittern. Die Gauri-Krieger geben ihr Einverständnis unter Vorbehalt. Selbst der Clan der schreienden Klingen stellt sich als unabhängige Streitmacht zur Verfügung. Die Zusage erfolgt jedoch von der Verharmlosung verzögert. Immer noch zweifelt man an der Vorgehensweise des Königs das Misstrauen zieht sich längst nicht mehr nur durch die Reihen der Kriegerkasten, sondern befällt andere Orden. Der Clanlord der Gor-An-Kirith wendet sich als Wortführer der Opposition im Rat unmittelbar an den König und kritisiert seine Vorgehensweise. Stattdessen schlägt er vor, erneut einen dunklen Splitter in den Besitz des Konzils zu bringen und jenen um jeden Preis zu schützen, somit könnte man zunächst den Feind hinhalten. Aydrian III. lehnt ab, er sieht den Feind damit unmittelbar auf sein Reich gelenkt. Es entbrennt ein heftiges Wortgefecht, der König ist jung und unerfahren, er unterliegt, doch hat er trotz allem die Mehrheit im Rat. An dem Plan ändert sich nichts.
Der Clan der schreienden Klingen bricht daraufhin seine Zusage zum Angriff und versagt die weitere Unterstützung der Vorhaben des Konzils. Noch am selben Tag reist die Delegation des Clans ab.
Auch die Gouel-Ulbar ziehen sich aus den Kampfplanungen zurück. Sie sagen, ohne die Klingen würde ein Angriff nicht Sinn machen, sie haben Angst, doch geben sie es nicht offen zu.
Der junge König misstraut dem Wüstenvolk, er wittert einen Racheakt. Die alten Wunden in den Köpfen der Menschen sind noch nicht verheilt. Deshalb kann Aydrian III. nicht alle verfügbaren Streitkräfte aus Pragorien abziehen.
Trotz der Absagen entschließt sich die Streitmacht Pragoriens den Kampf anzutreten, doch der Verlust wiegt schwer auf Seiten des jungen Königs.
Aber das Bündnis mit den Gauri im Norden gibt Zuversicht…
