Die Göttergeschichte (Buch I)
Die Schöpfung der Welt und die Götterwende
Es begab sich zu der Zeit, als der Schöpfer und Göttervater Peliandar erneut eine Scheibe formte, da es ihm bislang nicht gelungen war, eine nach seinem Geschmack zu fertigen. Denn er war ehrgeizig und wollte sich nur mit dem Besten zufrieden geben.
Er hatte bereits viele Scheiben geformt, doch vermochte er noch keine mit Leben zu erfüllen, was sein innigster Wunsch war. Deshalb hatte er jede vorherige Scheibe bereits wenige Zeit nach ihrer Fertigung wieder zerstört.
Peliandar überkam ein Gefühl der Eile. Denn er spürte, dass er alt wurde und dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb, um diesen Wunsch wahr werden zu lassen. Das große Licht hatte bereits mehrmals nach ihm gerufen, doch jedes Mal hatte er weggehört. Ein weiteres Mal würde er sich dem Ruf nicht entziehen können.
Aber der Schöpfer und Göttervater war schon alt und seine Hände hatten schon viele Scheiben geformt und anschließend wieder zerstört. Also schuf sich Peliandar fünf Kinder nach seinen Vorstellungen, die ihm bei der Fertigung der neuen Welt helfen sollten und die seine Bemühungen, sollten sie scheitern, fortführen konnten.
Er selbst wollte ihnen eine rohe Scheibe fertigen und sich dann ganz um die Erschaffung von Leben, das ihm und seinen Kindern möglichst gleich kommen sollte, kümmern.
Peliandar benötigte für die Erschaffung jeder seiner Kinder genau einen Tag und so war jedes Kind genau einen Tag älter als sein Nachfolger. Er nahm dieselbe Masse, die er für die Schöpfung der Scheiben verwendet hatte und formte daraus die Körper seiner Kinder binnen fünf Tagen.
Als er jedoch mit den ersten vier fertig war, war seine Masse aufgebraucht. Auf das fünfte Kind wollte er aber nicht verzichten, denn es stand viel Arbeit an und der Gedanke an das große Licht folgte ihm inzwischen auf Schritt und Tritt. Und er wollte das Werk noch bestaunen, wenn es fertig war. Deshalb nahm Peliandar die Masse, die von den zerstörten Scheiben noch übrig war und fügte sie zu einem weiteren Körper zusammen und schuf somit sein fünftes Kind.
Die fünf Kinder benötigten Namen, damit ihr Vater sie rufen konnte, und so nannte er sie Eritera, Fayfill, Gadian, Andrenda und Devastas. Jeder von ihnen war anders und darauf war der Göttervater stolz.
Eritera war die Erstgeborene der fünf Kinder. Sie war wunderschön und zudem außerordentlich klug und vernünftig. Ihr Vater liebte sie dafür und gab ihr einen Verstand aus Gold.
Das zweite Kind war Fayfill. Er war sehr aufgeweckt, hilfsbereit und fleißig, was sein Vater sehr schätzte. Er bekam eine Hand aus Gold.
Gadian hieß der Drittgeborene. Seine Tugenden waren Gerechtigkeit, Unbestechlichkeit und Verlässlichkeit, was seinen Vater stolz machte. Deshalb besaß er ein Herz aus Gold.
Als Viertes schuf Peliandar Andrenda. Sie war die dickköpfigste und ehrgeizigste unter den Kindern und verstand es geschickt zu reden. Ihr Vater respektiert sie dafür und schenkte ihr eine Zunge aus Gold.
Den Jüngsten der fünf Kinder nannte der Schöpfer Devastas. Er hatte keine besonderen Talente oder Eigenschaften, sodass der Vater nicht wusste, was er ihm schenken sollte. Peliandar wartete noch mit seiner Gabe, auf dass sich bei Devastas eine besondere Begabung herausstellen sollte. Es blieb jedoch dabei und Peliandar vergaß seine Gabe. Devastas ging leer aus, was ihn sehr neidisch machte.
Aus Wut baute er sich im Verborgenen einen schweren Streitkolben, um seine Geschwister damit zu erschlagen und deren Geschenke an sich zu nehmen. Er fertigte ihn aus seiner Wut und den Tränen, die er wegen seiner Geschwister vergossen hatte. Und wegen seines Vaters, der nicht wusste, dass seine Begabung die Zerstörung war, aus der sein Vater ihn geschaffen hatte. Schließlich veredelte er die Waffe mit seinem eigenen Blut, damit sie genauso schimmerte, wie die Geschenke seiner Geschwister, um die er sie so beneidete. Aber die Waffe erreichte nie den Glanz.
Peliandar, sein Vater, bemerkte dies und beschloss den anderen Kindern ebenfalls eine Waffe zu schenken, damit sie sich gegen ihren Bruder verteidigen konnten. Er selbst konnte ihn nicht bestrafen, dafür liebte er seinen Sohn zu sehr.
Und so kam es, dass jeder der Kinder eine eigene Waffe besaß.
Eritera bekam ein schimmerndes Zepter zu ihrer Verteidigung.
Fayfill erhielt einen hölzernen Bogen mit Pfeilen von seinem Vater.
Gadian wurde mit einem stählernen Schwert beschenkt.
Andrenda genügte ein scharfer Dolch zu ihrer Verteidigung. Doch ihr Vater bestand auf einen zweiten, der ihr zusätzlichen Schutz geben sollte.
Die Kinder wussten nicht, warum ihnen diese Waffen geschenkt worden waren, denn sie vermuteten nichts von den bösen Absichten ihres Bruders. Auch ihr Vater sagte nichts, denn er wollte nicht, dass seine Kinder sich gegenseitig misstrauten. Insgeheim hoffte er doch, dass sich sein jüngster Sohn noch ändern würde.
Dann kam der Tag, an dem die Kinder keine Kinder mehr, sondern alt genug waren, dass sie ihrem Vater und Schöpfer helfen konnten, die neue Welt zu erschaffen. Die rohe Scheibe war bereits gefertigt. Peliandar der Schöpfer hatte hart daran gearbeitet und war nun zu erschöpft um weiterzumachen. So gab er seinen Kindern den Auftrag die Welt, die er angefangen hatte, für ihn zu Ende zu bringen.
Der fleißige Fayfill fing sofort an. Er wollte den Himmel gestalten. Deshalb hielt Fayfill seine Pfeile in die Farbe und beschoss den schwarzen Himmel damit, sodass er viele kleine helle Flecken bekam.
Gadian entschied sich für das Land und bearbeitete die Erde nach seinem Willen. Er nahm sein Schwert, um die groben Landmassen damit zu teilen, und schuf dadurch Berge und Täler.
Eritera, die ihren Bruder sehr lieb gewonnen hatte und ihn am meisten von ihren drei Brüdern bewunderte, wollte Gadian helfen und ihm mit Rat und Tat zur Seite stehen. Sie zog mit ihrem Zepter die Pflanzen und Tiere aus der Erde. Die Tiere waren besonders verschieden, jedes unterschied sich in Form und Farben von den Anderen.
Als Peliandar sah, was seine Tochter geschaffen hatte, war er sehr überrascht über ihre Ansätze und wie viel sie in der kurzen Zeit gelernt hatte. Er war aber auch besorgt, dass seine Tochter ihn übertrumpfen könnte. Daher schickte er sich an, Leben zu schaffen, dass noch anspruchsvoller war, als das seines Kindes und das über die Tiere herrschen sollte.
Andrenda wollte die meiste Freude für sich, deshalb wählte sie das Wasser für ihre Aufgabe. Sie nahm einen großen Eimer mit blauer Farbe und schüttete ihn über ihren Teil der Scheibe. Doch das war ihr nicht genug. Sie wartete, bis Gadian und Eritera nicht hinsahen und schlich sich auf das Land. Das konnte sie gut. Dann nahm sie den Dolch, den sie von ihrem Vater geschenkt bekommen hatte und stieß tiefe Löcher in die Erde und ritzte feine Linien in den Boden, die sich sofort ebenfalls mit Wasser füllten.
Gadian und seine Schwester Eritera waren schnell fertig, denn sie arbeiteten gut zusammen. So beschlossen sie ihrem alten Vater bei der Erschaffung der Menschen zu helfen. Peliandar freute sich sehr über den Eifer der beiden, dennoch lehnte er die Hilfe seiner Kinder ab. Er wollte diese Aufgabe, um deren Lösung er sich bereits ewige Zeit bemühte, selbst und ohne Hilfe zu Ende bringen. Die äußere Hülle war bereits fertig, nun arbeite er an etwas, was er selbst „Die Seele“ nannte. Es dauerte noch einige Zeit, bis er sie vollenden könnte.
Nachdem Eritera und Gadian von ihrem Vater abgewiesen wurden, beschlossen sie ihren Geschwistern unter die Arme zu greifen. Fayfill waren vor lauter Übermut schnell die Ideen ausgegangen. Eritera konnte helfen und schuf kurzerhand Tiere, die in der Luft Leben konnten, ohne auch nur einmal im Leben den Fuß auf den Boden setzen zu müssen.
In der Zwischenzeit hatte Gadian bemerkt, was Andrenda mit ihrem Werk getan hatte und forderte von ihr, dass sie es wieder rückgängig machen sollte. Doch sie weigerte sich und so einigten die beiden sich: Als Ausgleich schuf Gadian kleine und große Inseln in der weiten Wassermasse und Eritera erfüllte sie mit tierischem Leben. Nebenbei formte sie auch Tiere, die es vermochten unter Wasser zu leben, und setzte sie heimlich in das Wasser.
Schließlich kam der Tag, an dem Peliandar den Menschen geschaffen hatte.
Eritera sah, wie schwach ihr alter Vater war und ließ es nicht zu, dass er noch weiter hart arbeitete.
Eritera tat wie ihr geheißen und flog die Menschen Stück für Stück auf die große Scheibe. Als sie einen kurzen Moment nicht aufpasste, fielen ihr einige der Figuren in das Wasser. Aber Eritera bemerkte es nicht und so lebten die Menschen im Wasser weiter, denn Andrenda, die für das Wasser zuständig war, wollte die Menschen nicht wieder ihrer Schwester zurückgeben.
Gadian verteilte die Menschen, die seine Schwester auf die Welt brachte. Und da er Ordnung liebte, sortierte er sie nach Farbe und setzte sie auf verschiedene Erdteile.
Als Devastas an der Reihe war, war keine Aufgabe mehr für ihn übrig. Auch die anderen wollten ihre Arbeit nicht mit ihm teilen und schickten ihn weg. Sie hatten sich bei ihrer Arbeit viel Mühe gegeben und buhlten nun untereinander um die Gunst ihres Vaters. Jeder wollte von ihm gelobt werden für sein Werk. Das machte Devastas sehr böse.
Deshalb nahm er es sich als Aufgabe, die Arbeit seiner Geschwister zu zerstören.
Er malte Wolken in den Himmel von Fayfill, die die hellen Flecken verdeckte, die er mühevoll an den Himmel geschossen hatte. Die Wolken warfen auch mit Eis und Regen um sich.
Als nächstes manipulierte er seine Schwester Andrenda, denn er brachte riesige Wellen in das Wasser, die alles zerstörten, was ihnen in den Weg kam.
Dann ließ Devastas die Erde von Gadian aufbrechen und beben, auf das nichts Halt auf ihr finden möge.
Danach erschuf er Winde, die die Bäume von Eritera umknickten. Außerdem malte er manchen Tieren spitze Zähne, sodass sie andere Tiere fraßen.
Aber auch seinen Vater wollte Devastas Übles tun. Und so kam es, dass er vielen Menschen böse Gesichter malte, sodass sie sich gegenseitig umbrachten und Unrecht taten.
Als Devastas dies getan hatte, war er zufrieden. So kam es, dass alle seine Geschwister ihn verachteten und mieden. Dies ging lange Zeit so und während die vier Geschwister weiter an ihren Werken feilten und den ersten Menschen bei ihrem Treiben zusahen, zog Devastas sich bitter zurück und versteckte sich im entlegensten Winkel der neuen Welt.
Eritera jedoch hatte Mitleid mit ihrem kleinsten Bruder und suchte ihn, um mit ihm zu reden und ihm zu helfen. Aber Devastas wollte sich nicht helfen lassen, denn er hasste seine Geschwister und ihn überkam es mit Zorn. Deshalb nahm er den Streitkolben und schlug damit auf Eritera ein, bis diese starb und in hundert kleine leuchtende Kristallsplitter zersprang, die sich auf der ganzen neuen Welt verteilten.
Das heilige Blut Eriteras benetzte den Streitkolben und verhalf ihm letztendlich zu demselben Glanz, wie er bereits von den Waffen der anderen Götterkinder ausging. Doch mit dem erreichten Ziel kam die Einsicht über das Opfer, und mit der Einsicht kam die bittere Erkenntnis etwas Falsches getan zu haben.
Andrenda beobachtete das Übel von weitem. Sie war ihrer Schwester heimlich gefolgt, weil auch sie sich für das Schicksal des ausgestoßenen Bruders interessierte und hatte sich versteckt, so dass Devastas und Eritera sie nicht bemerkten. Eilig rannte sie daraufhin zu ihrem größten Bruder Fayfill und berichtete ihm von dem, was sie gesehen hatte. Der war sehr traurig über den Tod seiner Schwester und er wusste nicht, was zu tun war. Andrenda wollte sich an ihrem kleinen Bruder rächen, wusste aber, dass sie mit ihren Dolchen nichts gegen ihn ausrichten konnte. Deshalb bat sie Fayfill um seine Hilfe. Dieser weigerte sich, aber Andrenda redete so lange mit ihrer Stimme auf ihn ein, dass er nachgab und ihr folgte. Insgeheim liebte er seine Schwester so sehr, dass er ihr keinen Wunsch abschlagen konnte. Aber sie wusste es nicht und außerdem hatte sie schon ein Auge auf ihre Schwester geworfen, deren Anmut und Jungfräulichkeit sie faszinierte.
So kam es, dass die beiden auf Devastas trafen. Dieser wusste, was ihn erwartete, aber er verspürte ein Gefühl der Taubheit in seinem Körper und auch in seinem Geist. Fayfill spannte den Bogen und ein armlanger Pfeil schob sich tief durch die Haut und das Fleisch des Jüngsten. Kurz darauf schlug krachend ein zweiter Pfeil in den spannungslosen Körper ein und bohrte ein tiefes Loch in das Herz des Ausgestoßenen.
Daraufhin fielen alle Zweifel und Bedenken von Devastas ab und ein erbitterter Kampf zwischen ihm und seinen Geschwistern entbrannte. Der Kampf dauerte lange Zeit und dies war für Devastas von Nachteil, denn er fürchtete, dass sein Bruder Gadian in den Kampf eingreifen würde.
Und während sich der Jüngste Gedanken über die Zeit machte, vergaß er sie darüber und Andrenda nutzte die Gelegenheit, um den Dolch tief im Körper des Ausgestoßenen zu versenken. Daraufhin gab Devastas einen unwirklichen Schrei von sich, der auf der ganzen neuen Welt zu hören war. Auch er zerbarst in hundert kleine Kristallsplitter, die schwarz waren und sich auf der ganzen neuen Welt verteilten. Sein Streitkolben fiel krachend auf den empfänglichen Boden.
Devastas schrie so laut, als er starb, dass auch Peliandar, sein Vater, den Schrei hörte und herbeigeeilt kam. Er bemerkte das Blut an der Klinge seiner Tochter und er zerbrach an der Trauer.
Als er sah, dass sich seine Kinder gegenseitig umbrachten, zerriss es ihm das Herz, das ewige, große Licht kam näher, der Ruf wurde immer lauter, und der alte Mann folgte ihm diesmal.
Als ihr Vater gestorben war, schämten sich Andrenda und Fayfill für das, was sie getan hatten. Auch fürchteten sie die Strafe ihres Bruders Gadian, der sie unweigerlich zur Rechtfertigung auffordern würde, nun das der große Göttervater nicht mehr war. Deshalb beschlossen sie von der Welt zu flüchten, doch ihr Bruder entdeckte sie dabei. Er wusste, was passiert war und er glühte vor Zorn über den Tod seines Vaters und seiner Schwester. Doch seine Geschwister waren schon zu weit weg, um sie mit dem Schwert zu erreichen. Deshalb sammelte Gadian seinen Zorn und warf ihnen einen großen Feuerball hinterher, der die neue Welt selbst zerstört hätte, wäre er gegen sie gerichtet gewesen. Fayfill sah das Feuer nahen und warf sich vor seine Schwester, damit sie verschont blieb. Gleich brannte Fayfill hell und stark, sodass Andrenda sich vor ihm fürchtete und auf die andere Seite der großen Welt lief, um sich dort zu verstecken.
Die beiden blieben für immer im Himmel gefangen und durften sich nur alle hundert Jahre wieder sehen.
