Die Göttergeschichte (Buch II)

Die Offenbarung

 

 

Gadian war wütend über den Tod seiner geliebten Schwester Eritera und den seines Vaters. Er tobte und verwünschte sich selbst, dass er nichts getan hatte, um dieses Unglück zu verhindern. Drei lange Tage lang warf er weiterhin mit brennenden Feuerbällen um sich, die seiner Wut entsprangen. Er schickte sie gen Himmel und viele richtete er auch gegen die neue Welt, die er zusammen mit seinem Vater und seinen Geschwistern geschaffen und gestaltet hatte. Wieder und wieder traf der brennende Zorn Gadians das gemeinsame Werk.

Er wollte das laute Klagen und Schreien, das von seiner Oberfläche erschallte nicht hören.

Als die drei Tage voller Wut und Enttäuschung vorbei waren, war Gadian zu erschöpft, um seinem Zorn weiter gewähren zu lassen.

 

Es folgten drei Tage der Ruhe in denen Gadian sich erholte. Er dachte nach, was er als nächsten tun konnte und er bemerkte, dass das laute Klagen nachließ. Da erinnerte er sich an die kleinen Geschöpfe, die er zusammen mit seiner Schwester auf diese Welt gebracht hatte und fing an, sie zu beobachten.

 

Erst jetzt bemerkte er, was er für einen Schaden auf der neuen Welt angerichtet hatte. Viele der Hütten und Felder, die sich die Menschen, wie sein Vater sie immer genannt hatte, mühevoll über lange Zeit aufgebaut hatten, waren zerstört. An einigen Stellen brannte es immer noch sehr stark, das Feuer schlug an diesen Orten um sich und schien nie mehr vergehen zu wollen. Aber die Menschen gaben nicht auf und machten sich daran, ihre Hütten wieder aufzubauen und die abgebrannten Felder wieder neu zu bewirtschaften. Dennoch weckte der Anblick der leidenden Menschen Mitleid in Gadian. Auch von ihnen hatten viele ihr Leben lassen müssen in den lodernden Flammen. Da überkam es den jungen Gott mit Trauer und er weinte über den Verlust seiner Schwester und dass er ihrem gemeinsamen Werk geschadet hatte.

Die Tränen vielen drei Tage lang auf die glühende Scheibe und diese kühlte ab, bis die letzte Flamme erlosch und sich Gadian besser fühlte.

 

Gadian beobachtete die Menschen weiter, sah ihrem Treiben zu und erfreute sich an ihrem Tun für eine lange Zeit. Mehrmals zählte er sie, weil es ihm Spaß machte, und stellte fest, dass es mit jedem Tag mehr wurden.

Er zählte so oft, bis er beim Zählen einschlief.

Im Traum erschienen ihm alle seine Geschwister und auch sein Vater und Gadian sah noch einmal, wie er mit ihnen zusammen die neue Welt schuf.  

Ein zweites Mal hörte er die schmerzerfüllten Schreie seiner Geschwister und das traurige Schluchzen seines Vaters vor seinem Ableben und der Reise in das große Licht. Er fühlte noch einmal die Qualen des Verlustes seiner geliebten Schwester und versuchte das austretende Blut ihrer Wunden mit seinen Händen zum Versiegen zu bringen. Bevor sie ihren Körper der neuen Welt übergab.

Er fühlte noch einmal die Genugtuung der Tötung seines kleinen Bruders und ihm war es, als ob er den Dolch selbst geführt hätte.

Er fühlte noch einmal die kochende, alles verbrennende Wut, mit der er den Tod seiner anderen beiden Geschwister herbeigeführt hatte.

Und er fühlte kein Bedauern.

Als Gadian aufwachte wusste er zwei Dinge: Er musste diese Welt um jeden Preis schützen, seiner Geschwister und seinem Vater zuliebe. Und er wusste auch, dass die Menschen von der Existenz der Götter erfahren mussten. Sie sollten wissen, wem sie es zu verdanken hatten, dass es sie gab.

Aber viel wichtiger war, dass die Götter nicht in Vergessenheit geraten sollten. Niemand sollte vergessen was für ein Opfer der Gottvater und die jungen Götter für die Existenz der Menschen gebracht hatte.

 

Also rief Gadian die Menschen, dass sie den Geschichten, die er zu erzählen hatte, lauschten. Doch sie bekamen Angst, als sie die Stimme des Gottes vernahmen, denn sie hörten sie nur als dumpfes Grollen am Himmel und verstanden nichts von dem, das ihnen erzählt werden sollte.

Gadian merkte dies und fragte sich, wie er sein Wissen trotzdem weitergeben konnte. Dann entschloss er sich dazu, sein Leben als Gott für kurze Zeit aufzugeben und als einer der Menschen auf der Scheibe zu wandeln. Er stieg hinab und gab sich gewöhnliche Gewänder, dass er kein Aufsehen erregte.

 

Gleich den ersten Mensch, dem er begegnete, grüßte er und begann damit, ihm die Geschichte um seine Geschwister und seinen Vater zu erzählen. Von sich selbst sprach er in der dritten Person, denn er wollte nicht, dass der Mensch sich vielleicht vor ihm ängstigte. Der Mensch lauschte aufmerksam der ganzen Geschichte bis zum Ende und als Gadian mit der Erzählung fertig war, fing er laut an zu lachen. Er hielt die Geschichte für Unsinn und glaubte Gadian kein Wort. Dieser ließ sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen und fragte ihn, ob er den brennenden Feuerschauer und den dichten Regen der letzten Tage gesehen hätte. Er wollte ihn so überzeugen. Der Mensch antwortete mit nein.

Da überkam es den jungen Gott erneut mit Zorn, denn er war leicht reizbar. Diese kleinen Menschen wollten ihm keinen Glauben schenken, wo er doch mit dafür verantwortlich war, dass sie sein durften.

Sie hatten ihre eigenen Erklärungen für alles Göttliche auf der großen Scheibe. Insgeheim verfluchte er seinen Vater dafür, dass er sie nicht mit mehr Verstand gesegnet hatte und er fing an, die Menschen dafür zu hassen. Gadian sah es jedoch weiterhin als seine Pflicht an, die Menschen nicht in Unwissen über die Götter zu lassen. Den dummen Mensch, der ihn auslachte, schlug er. Dieser lachte jedoch weiter, sodass Gadians Zorn anschwoll und er den dummen Tor verbrannte.

Erst jetzt merkte Gadian, wie kurzlebig die Menschen waren und wie viele Generationen seit der Erschaffung bereits vergangen waren. Diejenigen, die seinen Zorn gespürt hatten lebten schon lange nicht mehr. Die Tage der Menschen waren nur ein Bruchteil der Zeit, die ein Göttertag dauerte.

 

Nach einer langen Reise auf der Oberfläche der Scheibe, die als Mensch beschwerlich, aber auch sehr interessant war, wurde er schließlich von den Menschen erkannt.

Sie sahen, wie Gadian jeden niederstreckte, der seine Lehren belächelte oder ihn verspottete und diejenigen, die ihm glaubten, belohnte. So gab es bald keinen Menschen mehr, der an der Geschichte Gadians zweifelten. Gadian sah, dass die Menschen untertänig waren und vergab ihnen ihre Dummheit.

Sie fingen an, ihn anzubeten und wollten alles wissen, was der junge Gott zu erzählen hatte. So gab er sein Wissen weiter, alles woran er sich erinnern konnte. Die Menschen nahmen es und verteilten es unter sich, wie Brot, das sie zum Überleben brauchten.

Gadian bemerkte, dass seine Geschichten den Menschen Kraft gaben und er half ihnen, wo immer er konnte.

So wanderte er umher, schlichtete Streite, half beim Bestellen eines Ackers oder wenn eine Kuh kalbte.

Er fing an die Menschen zu lieben und sie waren dankbar für seine Hilfe. Als Gegenzug schrieben sie Lieder und Reime auf ihn und seine Geschwister und sie bauten Tempel, die hoch in den Himmel ragten. Auch seinen Vater besangen sie, zum Dank für die Erschaffung der jungen Götter.

Gadian lernte die Menschen gut kennen. Jeder hatte ein anderes Aussehen und eine andere Seele und keiner ward gleich unter ihnen.

So dachte Gadian, er könne unter den vielen Menschen sicherlich einen finden, der seiner großen Schwester gleichkam. So begab er sich auf eine lange Reise und suchte nach dem Abbild seiner großen Liebe. Die Suche begann an einem Göttermorgen und endete bereits an jenem Abend. Gadian fand den Menschen, der seiner geliebten Schwester Eritera gleichkam und zeugte mit ihr das Kind, das niemals alterte.

 

Unterdessen merkte Gadian, dass sich die Menschen untereinander bekämpften. Sie führten Krieg in seinem Namen, buhlten um die Gunst des einzigen jungen Gottes, der auf die neue Welt hinab gestiegen war, um den Menschen Kraft zu geben.

Die Menschen erschlugen sich gegenseitig, mit Waffen, wie sie die Götter trugen. Das Blut, dass die Erde benetzte, widmeten sie ihrem jungen Gott, dem Gott, der für sie das Gottsein aufgegeben hatte.

Das beschämte Gadian und er wollte sie davon abbringen. Aber die Menschen hörten nicht mehr auf ihn, weil sie von dem dunklen Streitkolben Devastas angetrieben wurden. Sie wurden geführt von Verdorbenen.

Deshalb schritt der junge  Gott selbst in den Kampf ein und führte sein Schwert gegen das Werk seines Vaters. Er tötete viele der dummen Menschen, bis nur noch jene übrig waren, die von Herzen rein waren. Das Blut der Menschen entjungferte seine Klinge.

Er war sich sicher das Richtige getan zu haben, trotzdem schmerzte ihn der Gedanke an das, was er getan hatte. Zur gleichen Zeit verstarb der einzige Mensch den Gadian lieben konnte.

Der zweite Sohn wollte sich verbittert von der neuen Welt abwenden, aber er brachte es nicht über das Herz und so vergrub er sich in sein Element, um von dort ein Auge auf seine Kinder zu haben und sie vor seinem Zorn zu schützen.

 

 

von Christoph Bülow